Am 26.11., zwischen 8:00 und 11:30, begrüßte Schulsozialarbeiter Fabian Schneider zwei besondere Gäste in der Aula des Gymnasiums: Nadja Klier und Ingo Hasselbach. Beide waren gekommen, um in jeweils 90 Minuten - erst für Jahrgang 9, anschließend für Jahrgang 10 - einen Einblick in das Leben im Unrechtsstaat der DDR samt praktizierender Staatssicherheit (im Folgenden: Stasi) zu geben, von dem sie persönlich betroffen waren.

Ingo Hasselbach berichtete hierbei auch von seinem Abdriften in die rechtsextreme Szene in der jungen Bundesrepublik und seinem Ausstieg aus der Szene mit all seinen Folgen. Zusammen warnten sie vor den Auswirkungen eines systembedingt einschränkenden Lebens und der negativen Beeinflussung durch angebliche Freunde, die letztlich in der Wut auf Mitmenschen ausartete. Eingeleitet wurde die Veranstaltung mit einem Dokumentarfilm zu Ingo Hasselbach und Nadja Klier, in dem ihre Lebenswege vorgestellt wurden. Mehrmals inhaftiert als Punk galt Hasselbach in der DDR als Systemsprenger. Er entwickelte daraufhin Misstrauen und Ablehnung gegenüber allen staatlichen Institutionen und Regeln, die sich bis zur Wut auf das System steigerten. Nach seiner letzten Haftentlassung zum Ende der DDR behielt Hasselbach diese Wut auf das politische System unreflektiert bei, auch bedingt durch Beeinflussung seiner während der Inhaftierung geschlossenen Kontakte zur rechtsextremen Szene. Seine Wut richtete sich nun nicht mehr allein auf das System der DDR, sondern zunehmend auf die Bundesrepublik Deutschland. In der Folge war Ingo Hasselbach 1990 ein Mitbegründer der rechtsextremen Partei "Nationale Alternative", bevor er 1993 doch den Ausstieg aus der rechtsextremen Szene schaffte. 

Nadja Klier erlebte im November 1987 die Inhaftierung ihrer Mutter Freya Klier mit ihrem damaligen Ehemann Stephan Krawczyk infolge der von ihnen verübten Systemkritik an der DDR: Sie kritisierten damals den gesellschaftlichen Zustand der DDR und forderten Reformen. Im Februar 1988 stellte das Ehepaar einen Ausreiseantrag und musste innerhalb weniger Stunden mit Nadja Klier die DDR verlassen. In dem Dokumentarfilm berichtet Nadja Klier von dieser traumatischen Erfahrung. Infolge der Inhaftierung ihrer Mutter wohnte sie bei einer weiteren Bürgerrechtlerin - ohne zu wissen, wie es mit ihr und der Familie weitergeht. Parallel wurden im Film die Aktionen der Staatssicherheit der DDR vorgestellt, hier vor allem das Observieren Jugendlicher. Eindrucksvoll bleibt im Gedächtnis, wie Nadja Klier im Büro Erich Mielkes, des DDRMinisters für Staatssicherheit, aus ihrer Stasiakte vorliest und Ingo Hasselbach, in seiner ehemaligen Gefängniszelle sitzend, von seinem Gefängnisalltag erzählt.

In der folgenden Gesprächsrunde wurden vielfältige Themen im Umfeld von Staatssicherheit und Rechtsextremismus besprochen: Wie wurde man offizieller oder inoffizieller Mitarbeiter der Staatssicherheit? Wieviel Budget wurde für die Staatssicherheit seitens der DDR für wie viele Mitarbeiter aufgebracht? Aber auch bezogen auf die rechtsextreme Szene erfolgte an Hasselbach die gezielte Frage, warum sein Weg in diese erfolgt sei. Hasselbach spricht von Wut auf das System, die er nicht kanalisieren konnte und er sich bereitwillig und ohne weiteres Nachdenken beeinflussen ließ. Hier spricht Hasselbach auch seinen Erweckungsmoment an, als Mitglieder seiner rechtsextremen Vereinigung Ausländerheime in Brand setzten und eine Familie umkam. Ihm wurde klar: „Ich kann nicht immer rufen: ,„Ausländer raus!" Irgendwer wirds dann machen.“ Es waren Sätze wie diese, die zum Nachdenken anregten und das Gespräch auch auf die aktuelle Situation brachten. Auch die Folgen seines Ausstiegs aus der rechtsextremen Szene wurden hinterfragt. Mit ernster Miene spricht der Aussteiger von einer Buchbombe, die im Herbst 1993 seine Mutter erreichte und nur deshalb nicht zündete, weil sich die Batterie des Zünders während des Posttransports entladen hatte. Infolgedessen wanderte Hasselbach vorübergehend in die USA aus. Der Schülereinschätzung, dass man heute doch nicht mehr frei sagen könnte, was man denke, hielten die beiden Referenten den Spiegel vor: "Ich glaube, das ist fehlende Wertschätzung für die Möglichkeiten, die man hat!", betont Nadja Klier und verweist mit Blick auf ihre eigene Vergangenheit auf die Zustände in der DDR, die eine freie Meinungsäußerung nicht ermöglichte. Heutzutage könne man durchaus straffrei sagen, was man denke, sofern keine Diffamierung Andersdenkender stattfinde. Mit dem Verweis auf seine eigene Biografie warnt Hasselbach gezielt davor, sich nicht verleiten zu lassen von irreführenden Argumenten, sondern einen klaren und kühlen Kopf zu bewahren. Einig sind sich alle Beteiligten, dass dies aktuell äußerst schwer falle: Zu viele verschiedene politische Argumentationen lassen nicht nur Jugendliche fragend und orientierungslos zurück. Daher sehen Hasselbach und Klier ihre Aufgabe vor allem darin, den eigenen Kompass gerade zu rücken, Hintergründe und Gegenargumente aufzuzeigen, ohne zu indoktrinieren, sondern Denkanstöße zu bieten. Passend dazu wird auf den Stellenwert der Medien eingegangen und die Bezeichnung "Lügenpresse" thematisiert. Hasselbach und Klier sensibilisieren, dass die Presse nicht gleich für den Staat stehe - eine Verbindung, die mit dieser Bezeichnung vermehrt einhergehe. Zu oft werde jedoch mit dieser Bezeichnung eine Verbindung gezogen, die nicht bestehe: Presse sei Presse und Staat sei Staat. Eingegangen wird auch auf eine Kriminalstatistik zum Ausländeranteil vollzogener Straftaten. Anhand des genaueren Eingehens auf die Statistik wird ersichtlich, dass sie nur einen geringen Ausschnitt aller Straftaten in einem kleineren Territorium aufzeigt. "Ihr müsst Statistiken im Ganzen betrachten, nicht nur einen Teil herausgreifen.", gibt Nadja Klier mit auf den Weg.

Am Ende gibt es deutlichen Applaus für die "Zumnachdenkenanreger". Es ist kein begeisterter Applaus, eher ein langer, ein nachdenklicher. Deutlich wird: Es waren spannende aber auch sehr fordernde Themen, die angesprochen wurden und noch länger nachhallen werden. Eine interessante Info wurde den Referenten zum Ende noch mit auf den Weg gegeben: Nadja Kliers Mutter Freya saß 15 Jahre vor ihrer Tochter ebenfalls in der Aula des Gymnasiums, an gleicher Stelle, und berichtete über ihre Stasi-Vergangenheit. Im Frühjahr dieses Jahres stellte Stephan Krawczyk ebenfalls in der Aula seine Vergangenheit vor. Mit der aktuellen Veranstaltung schloss sich also ein Kreis der Zeitzeugeneinblicke der Familie Klier/Krawczyk über mehrere Schülergenerationen.

Text und Foto: Michael Gremler

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Bildunterschrift: Mittels eines Dokumentarfilms startete das Gespräch mit Ingo Hasselbach (hier zu sehen) und Nadja Klier und gab unter anderem Einblick in ihr Leben im Überwachungsstaat DDR.